Stichwort E-Government: "Informationstechnik alleine ist kein Allheilmittel."

Interview mit dem Geschäftsführer der INFORA GmbH, Rainer Ullrich. Geführt wurde das Interview von Mario Radloff, Marketing- und Veranstaltungskoordinator der INFORA GmbH.

Mario Radloff

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Herr Ullrich, die INFORA führt seit mehr als 20 Jahren E-Government-Veranstaltungen durch. Mit dem Berliner Anwenderforum, dem ÖV-Symposium NRW und dem Bayerischen Anwenderforum zählt die INFORA zu den bedeutenden E Government-Veranstaltern Deutschlands. Wie hat sich das Thema E-Government in dieser langen Zeit, die Sie aktiv begleitet haben, verändert?

Rainer Ullrich

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In den Anfängen des Berliner Anwenderforums gab es den Begriff „E-Government“ noch gar nicht. Wir sprachen damals vom „Anwenderforum IT-gestützte Vorgangsbearbeitung“. Aber der Begriff „Anwenderforum“ zeigt, dass es für uns schon damals wichtig war, Anwendererfahrungen in den Mittelpunkt zu stellen und nicht so sehr Hochglanzpräsentationen der IT-Industrie. Aber nun zu Ihrer Frage: Während wir uns damals überwiegend mit der isolierten Unterstützung einzelner Geschäftsprozesse beschäftigt haben, ist der Begriff E-Government heute in einem vielen weiteren Kontext zu verstehen.

Mario Radloff

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Was bedeutet das?

Rainer Ullrich

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Die Digitalisierung hat die gesamte Gesellschaft geprägt. Die dramatischen Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, sind heute in vielen Bereichen zu beobachten, die alle miteinander in Beziehung stehen: die sozialen Netzwerke und die Veränderung der Kommunikation gerade bei jungen Menschen, die Veränderung des Bildungswesens, die Nutzung neuer Medien und neue Unterrichtsformen, der veränderte Zugang zu öffentlichen Leistungen durch Bürgerterminals und die „aufsuchende Verwaltung“, der Wertewandel der Beschäftigten hin zu einem selbstbestimmten, zeitlich flexiblen Arbeiten mit dem ubiquitären Arbeitsplatz und eine erheblich gestiegene Bedeutung von Mobilität - das alles sind Tendenzen, die wir betrachten müssen, wenn wir die Veränderung der Verwaltung verstehen und gestalten wollen. Der Abgeordnete Markus Blume hat das in München in seinem Schlussreferat auf dem Bayerischen Anwenderforum sehr schön mit dem Begriff des „digitalen Ökosystems“ zusammengefasst.

Mario Radloff

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Ist E-Government nicht mehr als eine bloße Modewelle, die wie viele andere in einigen Jahren wieder verebbt sein wird?

Rainer Ullrich

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Das glaube ich nicht. Schon heute ist absehbar, dass sich die Verwaltung aufgrund der schwindenden personellen und finanziellen Ressourcen erheblich verändern wird. Dies betrifft die Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung, aber auch die Kunden, also uns alle als Bürger und Nachfrager von Verwaltungsdienstleistungen. Dabei ist bei aller Digitalisierungseuphorie eine Voraussetzung wichtig: der Zugang zu öffentlichen Leistungen muss für jede Person, unabhängig von ihrer digitalen Kompetenz, möglich bleiben. Und die zunehmende Alterung der Gesellschaft schafft überdies neue Herausforderungen für die öffentliche Verwaltung. Neue und anders als bislang erbrachte öffentliche Dienstleistungen stellen die Beschäftigten und die Strukturen der öffentlichen Verwaltung vor große Herausforderungen. Andererseits schafft die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft auch Freiräume, die für die neuen Herausforderungen genutzt werden können.

Mario Radloff

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Stichwort Demographie. Ist die Digitalisierung und die zunehmende T-Unterstützung der öffentlichen Verwaltung ein Mittel, den absehbar schwierigen Verhältnissen in der Zukunft angemessen zu begegnen?

Rainer Ullrich

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Informationstechnik alleine ist kein Allheilmittel. Gerade in einer öffentlichen Verwaltung, in der die Beschäftigten unter zunehmender Arbeitsverdichtung und hoher Belastung leiden, kommt es wesentlich darauf an, Informationstechnik mit den Beschäftigten zusammen für die Neugestaltung der Verwaltungsprozesse und ihrer Arbeitsplätze zu nutzen. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viel „Organisations-Intelligenz“ in unsere Projekte von den Beschäftigten eingebracht wird. Dies ist ein Schatz, der gehoben werden muss, der aber nur dann zum Tragen kommt, wenn die Methoden und Konzepte das Veränderungsmanagement, das den Organisationswandel und seine Herausforderungen begleitet, angemessen berücksichtigen.

Mario Radloff

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Herr Ullrich, lassen wir uns ins Jahr 2020 blicken. Mit welchen Themen wird sich das Bayerische Anwenderforum im Jahre 2020 beschäftigen?

Rainer Ullrich

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Ich verfüge nicht über die Gabe der Prophetie, aber ich prognostiziere, dass wir uns mit der menschenfreundlichen Gestaltung von weitgehend IT-gestützten Prozessen noch mit der gleicher Leidenschaft widmen werden, wie wir es auf dem gerade zu Ende gegangenen Bayerischen Anwenderforum getan haben, und ich bin sicher, dass die effiziente Gestaltung von IT-Betrieb, IT-Organisation, und die IT-Standardisierung uns ebenfalls noch beschäftigen werden. Hier liegt viel Potenzial, und hier ergäben sich Einsparmöglichkeiten, die an anderer Stelle dringend für Investitionen genutzt werden sollten.

Mario Radloff

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Herr Ullrich, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Rainer Ullrich
Rainer Ullrich M.A. ist Geschäftsführer der INFORA GmbH und Partner der INFORA Management Consulting GmbH und Co. KG.